Wie konnte es so weit kommen ...?
Als man mir in der Schule im Alter von 7 mitteilte, ich
singe wie Mickey Maus und ich solle bitte mit diesen Geräuschen aufhören (ich liebte es, Tiere und Umwelt zu immitieren) verlor ich, wie viele andere auch, die Lust am Singen, aber nicht an der Stimme -
die Geräusche sind meine Welt geblieben. Meine erste Begegnung mit den Grundlagen des Obertongesangs hatte ich mit 8 Jahren. Die Mondlandung war das aktuelle weltbewegende Ereignis. Die Landenacht durfte ich vor unserem
ersten Fernseher allein verbringen und lauschte voller Begeisterung den NASA-Dialogen von Huston mit den Astronauten. Ich verstand kein Wort, aber die texanischen R’s haben mich sehr geprägt. Ich begann im Alter von 17 wieder mit
Singen, als ich mich verliebte und deshalb einem Chor beitrat. Aus dieser Liebe ist nichts geworden, dafür aber fand ich meine große neue Liebe - die Singstimme. Der Sound der vielen Stimmen (es was die Krönungsmesse von
Mozart) hat mich völlig in den Bann gezogen.
Zunächst machte ich eine steile Chorkarriere, nahm Gesangsstunden und begann dem Klang nachzureisen. Nach zwei Jahren sang ich bereits mit dem Philharmonischen Chor Prag und dem römischen Symphonie-Orchester unter
Leitung von Georges Prêtre. Meine Vorliebe für zeitgenössische Musik und Uraufführungen brachte mir ein Jahr später meinen ersten Gastspielvertrag als Opernsolist am Stadttheater Aachen ein, für die Uraufführung der Oper “Chimäre”
von Hans Jürgen von Bose, ein Auftragswerk des WDR, das mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Inzwischen habe ich in ca. 60 Ensembles in ganz Europa gesungen - ich suchte mir immer die interessantesten Programme
heraus, das war vor allem Neues und Experimentelles.
Trotz der musikalischen Erfolge entschied ich mich für ein Studium der Naturwissenschaften, das ich mit einem Diplom in Chemie abschloss, woraufhin ich als Physikochemiker zunächst einige Jahre in der Forschung und dann als Forschungsleiter in der Industrie arbeitete (für meine Entwicklung einer wasserfreien Textilfärbeanlage bekam den Innovationspreis der Klüh-Stiftung).
Das Studium finanzierte ich durch Gesang, wobei ich mich überwiegend der experimentellen zeitgenössischen Musik zuwandte.
Ich hatte wundervolle, tief beeindruckende musikalische Begegnungen mit großartigen Musikern wie Gidon Kremer, Georges Prêtre, King’s Singers, Helmut
Rilling, Anders Eby, Fritz ter Wey, Wolfgang Seeliger, und vielen anderen. Für das Privileg, mit solchen Musikern von Weltrang musizieren zu dürfen, bin ich sehr dankbar.
Meine Begegnung mit Joachim Ernst Berendt brachte mich 1983 erstmals mit dem Wunder des Obertongesangs in Kontakt. Bei der Promotions-Tour zu seinem Buch “Nada Brahma - die Welt ist Klang” stand ich mit Roberto Laneri
auf der Bühne, der diesen mir völlig fremden, faszinierenden Stimmklang produzierte - Obertongesang - ...ich vernahm Engelschöre. Berendt verglich damals die klassischen europäischen Kompositionen zum Wort “Amen” mit
asiatischen “OM”-Mantren. Die Wirkung der Obertöne des OM hat mich nie mehr losgelassen...
Nach einem Jahr des Experimentierens (ich kannte damals keine Lehrer) konnte ich ganz passable Obertöne erzeugen und setzte sie gleich in Chören ein, vor allem in byzantinischen Gesängen, als ich merkte, dass ich damit wunderbar
unauffällig den gesamten Chorklang beeinflussen und ”reinigen” konnte. Natürlich führten sie auch in zeitgenössischer experimenteller Musik zu netten Effekten. Dann bekam ich 1986 die Platte “Harmonic Meetings” von David Hykes
geschenkt, die mich völlig überzeugte, dass Obertonmusik eine neue Richtung der zeitgenössischen Musik begründet. Kurz danach hörte ich dann auch erstmals Michael Vetter und tuvinische Kehlsänger, was mich erneut bestätigte.
Als Forschungsleiter in der Chemie fand ich zuletzt kaum noch die Zeit, zu singen. Mein Körper gab mir nach einigen Jahren plötzlich deutliche Signale, dass ich
mich nicht mehr auf meinem Weg befand (u. a. musste ich bei der Arbeit Gehörschutz tragen), und ich beschloss, mein Leben völlig zu verändern.
So wagte ich 1994 den Absprung und wurde Musiker. Heute möchte ich mit meiner Musik einen Beitrag zu einer friedvollen Welt leisten, zu meiner eigenen inneren Freude. Die Obertöne sind für mich mehr geworden, als nur Musik. Die
Klänge erfüllen mich mit einem tiefen Gefühl der Verbundenheit mit dem Leben, und manchmal scheinen die Klänge nicht von mir allein zu kommen. Darum bin ich sehr glücklich über meine Entscheidung, dieser Musik zu einem Stellenwert
in der Gesellschaft zu verhelfen, wobei mir meine Forschernatur weiterhin sehr hilfreich ist.
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