Aktualisiert 22.02.2010

 Kontakt | Impressum

Obertonwissen

 

 

> Startseite > OBERTON-WISSEN

Obertongesang

Obertongesang ist eine Gesangstechnik, die aus dem Klangspektrum der Singstimme einzelne Teiltöne so herausfiltert, dass sie als getrennte Töne wahrgenommen werden und der Höreindruck einer Mehrstimmigkeit entsteht.

Mit feinsten Zungenbewegungen werden die Resonanzräume im Vokaltrakt so aufeinander abgestimmt, dass ein einzelner Oberton an Lautstärke deutlich hervortritt.

©Benedikt Saus

Kaum zu fassen, was da zu hören ist: Ein Sänger steht allein auf der Bühne und singt zwei Töne. Einer scheint von der normalen Stimme zu kommen. Doch ein zweiter flötenartiger Ton schwebt kristallklar und kaum ortbar im Raum. Der Klang erinnert entfernt an eine Glasharfe, er klingt exotisch und doch merkwürdig vertraut. Auf eigentümliche Weise berührt er die Seele, wirkt ruhig zentrierend auf Körper und Geist.

mp3 (470k) Saus, Köstler
mp3 (470k) Stimme des Autors, Frank Köstler Rahmentrommel

Ich verwende “Obertongesang” als übergeordneten Begriff für alle Obertonstile. Es gibt viele Gesangsformen, in denen die Obertöne stark ausgeprägt sind. Obertongesang nenne ich sie dann, wenn den Obertönen eine eigenständige musikalische Funktion zukommt. Da die Wahrnehmung auch von Kultur und Hörtraining abhängt, ist es manchmal eher eine Frage der Absicht des Sängers als eine Frage der musikalischen Einordnung, ob es sich um Obertongesang handelt oder nicht. Man kann daher allgemeiner auch so formulieren:

Beim Obertongesang hebt ein Sänger bewußt einzelne Obertöne aus seinem Stimmklang hervor.

Wie entsteht Obertonsingen?

Jeder Mensch der sprechen kann, kann auch Obertonsingen. Beim Obertongesang kontrolliert man die Resonanzräume in Mund und Rachen mit feinen Zungen- und Lippenbewegungen, um einzelne Obertöne hervorzuheben und die anderen abzuschwächen.

Obertöne sind ein natürlicher Bestandteil des Stimmklangs. Sie erzeugen die Klangfarbe der Vokale verantwortlich. Hier der Ton c gesungen auf den Vokal “ä”:

Das Klangspektrum des Tons c auf den Vokal “ä” gesungen. (Aufgenommen mit Overtone Analyzer).

Das Klangspektrum (Frequenzspektrum) zeigt die Lautstärkeverteilung der Obertöne. Jede Spitze entspricht einem Oberton, je weiter rechts die Spitze, desto lauter ist der Oberton. Ganz unten ist der Grundton. Nach oben erhöht sich die Frequenz, also die Tonhöhe, nach rechts die Lautstärke.

Ich unterteile das Obertonsingen in drei Schritte:

  • Kehlkopf als Klangquelle,
  • Rachenraum als Filter,
  • Mundhöhle als Resonator.
  • Klangquelle. Sobald man einen Ton von sich gibt, entstehen Obertöne, und zwar alle  gleichzeitig. Ansonsten könnten wir nicht sprechen. Der Klang wird im Kehlkopf erzeugt, indem der Atem durch die Stimmbänder gepresst wird, die dadurch in Schwingung geraten.
    Es gibt allerdings auch weniger bekannte Kehltechniken, die andere Teile des Kehlapparates zur Klangerzeugung verwenden. Man unterscheidet sie je nach Art der Engstelle, durch die der Atem strömt. Das können zum Beilspiel die Taschenfalten sein (beim Kargyraa), die aryepiglottischen Falten oder sogar die Speiseröhre (Rülbsstimme).

    Filter. Der hintere Rachenraum, der Zungengrund und der Kehldeckel (Epiglottis) wirken als Filter für die Obertöne. Dort wird der sogenannte 2. Stimmformant gesteuert, der für die Vokale u bis i verantwortlich ist. Wir haben in der Regel kein Gefühl für Rachenzunge und Kehldeckel, sie werden unbewußt gesteuert. Beim Obertongesang ist die Aufgabe, eine Kontrolle dieser Bewegungen zu erzielen.

    Resonator. Der Mundraum formt zusammen mit der vorderen Zunge und den Lippen einen variablen Resonanzraum. Beim Obertonsingen wird die Resonanz so eingestellt, dass sie optimal zu dem Oberton passt, der im Rachenraum gefiltert wurde. Zum Beispiel wird die Zunge angehoben und ein Hohlraum unter der Zunge gebildet.

Es gibt unterschiedliche Obertontechniken. Ihre Namen erhalten sie je nach der Art des Kehlgebrauchs und der Methode, wie die Resonanzräume gebildet werden. Mit dem obigen Prinzip lassen sich alle Techniken beschreiben.

Literatur

Saus, Wolfgang. Oberton Singen. Mit Lern-CD: Das Geheimnis einer magischen Stimmkunst - Obertongesang erlernen mit dem Drei-Stufen-Selbstlernkurs. 3. Aufl. Battweiler: Traumzeit-Verlag, 2008. >>>

Levin, Theodore Craig, und Valentina Suzukei. Where Rivers and Mountains Sing:
Sound, Music, and Nomadism in Tuva and Beyond with CD (Audio) and DVD: Sound, Music and Nomadism in Tuva and Beyond. Har/Com/Dv. Indiana University Press, 2006.
amazon.de

Tongeren, Mark C. Overtone Singing:
Physics and Metaphysics of Harmonics in East and West. 2. Aufl. Eburon B V, 2004.

Reimann, Michael. Unendlicher Klang. Obertöne in Stimme und Instrumentalmusik. Norderstedt: Kolibri, 1993.

Rachele, Rollin. Boventoonzang: een zelfstudiecursus in het leren hzingen van boventoonen. 1. Aufl. Katwijk aan Zee: Servire Uitgevers B. V., 1989.

Wolff, Stephanie. Obertöne. Versinken in die Welt des Klanges. Meditation und Therapie durch neue Dimensionen der Musik. Mit einer praktischen Einführung in die Technik des Obertonsingens. Freiburg: Bauer, 1987.

Coffin, Berton. Coffin's Overtones of Bel Canto:
Phonetic Basis of Artistic Singing with 100 Chromatic Vowel-Chart Exercises. Scarecrow Pr Inc, 1980.

 

 

 

 


© www.oberton.org 2001/2010, Impressum.
Aktualisiert 21.02.2010